{"id":971,"date":"2011-06-15T22:55:23","date_gmt":"2011-06-15T22:55:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.littlepharao.de\/?page_id=971"},"modified":"2011-08-25T10:54:52","modified_gmt":"2011-08-25T10:54:52","slug":"auf-dem-weg-zur-pilgerfahrt","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.littlepharao.de\/?page_id=971","title":{"rendered":"Auf dem Weg zur Pilgerfahrt"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Abend, der Vater sitzt mit seinen Freunden ganz gem\u00fctlich im Kaffeehaus und sie unterhalten sich \u00fcber alles, was ihr Leben betrifft. Das ist eine sehr gem\u00fctliche Angelegenheit, die M\u00e4nner treffen sich abends und rauchen ihre Wasserpfeife, trinken \u00a0Tee und Kaffee und jeder erz\u00e4hlt, was ihm an diesem Tag oder in dieser Woche passiert ist. In dieser Runde werden auch sehr viele Informationen ausgetauscht. Jeder berichtet von seiner Arbeit und aus seinem Fach, das kann sehr informativ sein, abgesehen davon, dass sie die Menschen beim hin- und hergehen beobachten. Die Frauen treffen sich entweder zu Hause oder die j\u00fcngeren eher im Sportclub, wo sie spazieren gehen, \u00fcber die M\u00e4nner reden, manchmal auch\u00a0Erfahrungen austauschen, w\u00e4hrend ihre Kinder die verschiedensten Sportarten aus\u00fcben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sagt\u00a0einer der vier Freunde in dieser Runde im Kaffeehaus: \u201c Ich \u00fcberlege ob ich nicht dieses Jahr die Pilgerfahrt machen soll.\u201c Die Freunde sind alle im Alter zwischen 36 und 40 Jahren. Diese Idee ist f\u00fcr alle eine gro\u00dfe \u00dcberraschung! Jeder schaut den anderen an ohne ein Wort zu sagen, aber mit den Augen tauschen sie viele Fragen aus. Der Freund \u00fcberlegt weiter: \u201eJa warum denn nicht! Wir sind verheiratet, wir haben Gott sei Dank Kinder bekommen, wir arbeiten, verdienen Geld und wir sind gesund, und das ist eigentlich alles was wir brauchen! Warum sollen wir warten?\u201c Einer der Freunde antwortet: \u201eIch bin ziemlich \u00fcberrascht, dass wir in unserem recht jungen Alter \u00fcber dieses Thema sprechen. Mein Vater hat die Pilgerfahrt mit 60 gemacht und meine Mutter mit 62, aber nicht mit 40.\u201c Und so diskutieren die Freunde den ganzen Abend weiter, es ist sehr interessant und am Ende entschlie\u00dfen sie sich bei einer Reiseagentur noch n\u00e4her nachzufragen. Man sagt bei uns wenn Gott das will, dann geht alles sehr einfach und problemlos und wenn nicht, dann sp\u00fcrt man das auch. Der Freund ruft am n\u00e4chsten Tag bei einer Agentur an und informiert sich, und es gibt gar keine Probleme. Bis zur Pilgersaison sind es noch 6 bis 7 Monate Zeit. Sie beschlie\u00dfen zu viert nach Mekka zu fahren um ihre Hadsch (Pilgerfahrt)\u00a0auszuf\u00fchren und \u2013 v\u00f6llig \u00fcberzeugt von der Richtigkeit ihrer Entscheidung \u2013 informieren sie ihre Familien. Gott hat uns sehr viele sch\u00f6ne Geschenke gegeben, und so ist das nun das Geringste, dass man f\u00fcr Gott tun kann, besonders, wenn man dazu in der Lage ist. Eine Ehefrau meint zu ihrem Mann: \u201eIst es nicht besser, wenn wir Geld f\u00fcr die Kinder sparen und die Pilgerfahrt erst sp\u00e4ter machen?\u201c Ihr Mann antwortet: \u201eWir sind gesund, und die Kinder sind gesund, und es geht uns gut. Die Zukunft liegt in den H\u00e4nden Gottes.\u201c<\/p>\n<p>Ein Monat nach dem anderen vergeht, und die Freunde sind mit dem Alltag besch\u00e4ftigt. Doch die Zeit der Pilgerfahrt r\u00fcckt n\u00e4her. Sie entscheiden sich f\u00fcr ein Treffen mit einem Imam oder Sheikh, der sie \u00fcber das Thema informieren kann. Der Imam lehrt sie, dass die erste Vorbereitung f\u00fcr diesen Besuch seelisch ist: man muss von innen bereit sein die Pilgerfahrt zu machen. Die Freude, das Haus von Allah zu besuchen, muss im Herzen sein. Dies kommt vor allem durch Lesen im Heiligen Buch oder in B\u00fcchern \u00fcber die Pilgerfahrt. So kann man sich am besten vorbereiten. Bevor man nach Mekka fliegt, muss man die passende Kleidung kaufen. Diese Kleidung besteht nur aus zwei gro\u00dfen, wei\u00dfen T\u00fcchern, die nicht gen\u00e4ht sein d\u00fcrfen. Das sind genau dieselben T\u00fccher, in denen die Toten eingewickelt werden. Unter diesen T\u00fcchern darf man\u00a0 nichts tragen und auch nichts dar\u00fcber. Alle Menschen sind gleich und in einer Farbe: Wei\u00df. Das bedeutet man fliegt hin und man ist bereit das allt\u00e4gliche Leben zu verlassen, um sich mit dem Lieben Gott zu treffen. Man fliegt hin, l\u00e4sst die ganze Welt hinter sich und konzentriert sich nur auf dieses Treffen mit Allah. Man ist wie ein neugeborenes Kind frei von allem, au\u00dfer zwei T\u00fcchern, mit denen man sich bedecken kann. Das bedeutet, dass man auf alles Sch\u00f6ne und Feine verzichtet, um sich nur auf dieses Treffen zu konzentrieren. Die Frauen d\u00fcrfen ihre langen Kleider tragen, auch in Wei\u00df. Das Gesicht und die H\u00e4nde m\u00fcssen sie frei lassen, das Gesicht darf nicht mit einem Schleier bedeckt werden. Das allerwichtigste, das man tun muss, bevor man nach Mekka fliegt, ist, sich zu \u00fcberlegen, mit wem habe ich Streit gehabt. Diese Menschen muss man vorher anrufen und fragen, ob sie noch b\u00f6se sind oder nicht. Normalerweise, wenn die Leute wissen, dass man nach Mekka fliegt, dann wird sofort alles vergessen und wenn der andere das nicht mitmacht, dann hat der Pilger wenigstens seine Aufgabe erledigt und angerufen. Der Imam hat geredet und geredet, und die Freunde versuchen alles im Kopf zu behalten. Er hat ihnen genau den Ablauf der Pilgerfahrt erz\u00e4hlt und sie auch gewarnt vor der \u201eSteinigung des Teufels\u201c, weil sie meistens mit Toten verbunden ist.<\/p>\n<p>Der Vater f\u00e4hrt nach dem Gespr\u00e4ch mit dem Imam zur\u00fcck nach Hause und bewegt alles in seinem Herzen, was er geh\u00f6rt hat. Es ist nicht einfach, was man da alles vorbereiten muss. Es ist aber sch\u00f6n, wenn man es schaffen kann, besonders Frieden mit allen Menschen zu schlie\u00dfen und zu halten. Das ist bestimmt das Sch\u00f6nste, was man im Leben erreichen kann. Der Imam hat gesagt, von dem Augenblick der Entscheidung eine Pilgerfahrt zu machen, ist man auf dem Weg\u00a0 nach Mekka und wenn der Pilger vor oder w\u00e4hrend der Pilgerfahrt stirbt, dann wird er als Pilger im Himmel aufgenommen. Die Toten w\u00e4hrend der Pilgerfahrt werden sofort vor Ort beerdigt, in Mekka oder Medina. Das ist f\u00fcr uns Muslime\u00a0was ganz besonderes. Als der Vater an die M\u00f6glichkeit denkt, dass er nicht wieder nach Hause kommen k\u00f6nnte, gehen ihm\u00a0 die verschiedenen Gedanken durch den Kopf: wie soll es weitergehen? Wer kriegt was? Wer passt auf die Kinder gut auf? Was macht die Mutter und die Frau? Er redet mit seiner Frau dar\u00fcber und die Frau antwortet ganz ruhig: \u201eWillst du barmherziger sein als der liebe Gott, der uns alles geschaffen hat? Mach dir nicht so viele Gedanken! Der uns geschaffen hat, der wird immer f\u00fcr uns sorgen, und du kommst wieder. Wir haben noch vieles gemeinsam zu tun.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcberall trifft der Vater viele Menschen und sie gratulieren ihm alle zur bevorstehenden Pilgerfahrt und bitten ihn, dass er f\u00fcr sie in Mekka die besten W\u00fcnsche ausspricht. Man sagt, in Mekka ist man dem Lieben Gott ganz nah. Dort ist die Verbindung ganz eng, deshalb kann man alles w\u00fcnschen, was man m\u00f6chte, f\u00fcr sich selber und auch f\u00fcr seine Mitmenschen. Die W\u00fcnsche sind so zahlreich, dass er eine Liste geschrieben hat, damit er nichts vergisst. Zu Hause kommt das Telefon nie zur Ruhe. Jeder ruft an und w\u00fcnscht alles Gute f\u00fcr die Pilgerfahrt. Der Koffer ist nicht voll. Man nimmt nur diese T\u00fccher mit und\u00a0 Medikamente f\u00fcr alle F\u00e4lle. Sonst nichts. Das ist sehr einfach. Wie gesagt das wichtigste ist, dass man auf alles verzichtet.<\/p>\n<p>Der Vater denkt an die fr\u00fchere Zeit, als die Pilger aus allen Ecken der Welt zu Fu\u00df\u00a0nach Mekka gekommen sind.\u00a0Das hat Monate gedauert und die Karawanen haben vieles unterwegs erlebt. Es war ganz normal, dass viele Menschen unterwegs gestorben sind, und dieser Gedanke ist immer noch in seinem Kopf. Wer nach Mekka fliegt, muss f\u00fcr alles bereit sein. Es war aber fr\u00fcher viel h\u00e4rter und gef\u00e4hrlicher. In \u00c4gypten hat man sich damals auf dem Platz der Zitadelle getroffen. Das war das Zentrum von Alt Kairo. Dort haben die Pilger sich versammelt, man hat sie verabschiedet mit Singen und Tanzen und es wurden viele Fahnen geschwenkt. Auf dem Land wird bis heute die Fassade des Hauses mit dem Transportmittel bemalt: Schiff oder Flugzeug.\u00a0 Damals mit einem Kamel. Das ist eine sehr gro\u00dfe Ehre f\u00fcr die ganze Familie.<\/p>\n<p>Der Vater ist nun bereit f\u00fcr seine Pilgerfahrt und er freut sich darauf. Er verabschiedet sich von der Frau und von den Kindern, in der Hoffnung auf ein Wiedersehen, und er hat den Kindern versprochen, wenn er zur\u00fcckkommt, wird er ihnen alles, was er erlebt hat ganz ausf\u00fchrlich erz\u00e4hlen&#8230;<\/p>\n<p>Ziad Anwar<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Abend, der Vater sitzt mit seinen Freunden ganz gem\u00fctlich im Kaffeehaus und sie unterhalten sich \u00fcber alles, was ihr Leben betrifft. 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